300 Leute bei unserem OB-Wahl-Podium zum Bezahlbar-Wohnen

Wer kann überhaupt noch bauen – und noch bezahlbar? Hilft ein neues Baugebiet? Wo lässt sich der Wohnmarkt kommunal beeinflussen?

Die Gemeinwohl-Wohnszene vieler anderer Städte wäre vermutlich glücklich über (1) eine solche Top-Priorisierung des Themas Bezahlbar-Wohnen, (2) so viel Interesse in der Bevölkerung, (3) so viel Einigkeit der Kandidat*innen bei zentralen Forderungen wie 50%-Sozialwohnungsanteil oder Milieuschutzsatzung. Und dass (4) unter den chancenreichen Kandidat*innen niemand ist, der/die auf Deregulierung und bloße Markt- und Bauförderung setzt.

Unser OB-Wahlpodium

Der große Saal im Brauwerk freistil platzt aus allen Nähten - Riesenpublikumsinteresse (Fotos: T.Schumacher)

Und doch gehen viele nach dem spannenden Podium unzufrieden und nachdenklich nach Hause: Die Chancen, dass die Boom- und Schwarmstadt Tübingen auch als Stadt für Alle vorankommt, stehen nicht gut – egal, wer die OB-Wahl am 23. Oktober gewinnt. Der Druck auf dem Wohnungsmarkt ist eh schon gewaltig, die neuen Riesenherausforderungen kommen obendrauf: Baupreis- und Zinsexplosion, der Fachkräftemangel, das Förderchaos, die Materialengpässe. Und die Bundespolitik blockiert bei den zentralen Mietrechtsthemen – hier bleiben die Kommunen entmachtet.

Warum hat sich der Abend trotzdem gelohnt?

  • Weil es eben „nur“ um Bauen, Wohnen und Boden ging, kamen die Kandidat*innen nicht mit Kurz-Forderungen oder wohlfeilen Slogans davon. Sondern die jeweiligen Hauptideen wurden einem herausfordernden diskursiven Stress-Test unterzogen. Was geht wirklich, was ist neu oder auch gar nicht, was bringt besonders viel … endlich bekam das komplizierte Thema den Raum, den es braucht.
  • Der Abend zeigt uns, dass genau das gelungen ist und von vielen in der Stadtgesellschaft gewollt war – auch jenseits des Abendtermins: dass das Thema Wohn- und Bodenpolitik präzise und kompetent und mit echtem Lösungsinteresse diskutiert wird. Dass es das große Gewicht im Wahlkampf bekommt, das es verdient. Und dass diese Debatte über den Wahltag hinausweist. Deshalb haben wir seit sieben Monaten die Perspektive Stadt-für-Alle auf mehreren Veranstaltungen der Kandidierenden Deshalb haben wir sie schon im Mai mit den Wahlprüfsteinen auf die Agenda von ihnen gesetzt und nun das Podium durchgeführt.
  • Zur Debatte gehört nicht zuletzt das in Tübingen noch so unterbelichtete Thema Genossenschaften & Co: Neustart wurde - zusammen mit den anderen Gemeinwohl-Organisationen - für viele vielleicht erstmalig sichtbar: Als Akteure, die aktiv, kompetent und zupackend besonders überzeugende Umsetzungen für bezahlbares gutes Wohnen auf den Weg gebracht haben. Und Gunnar Laufer-Stark formulierte beim Podium treffend: diese Akteure stehen in den Startlöchern! Sie sind bereit und aufgestellt, weitere Projekte zu entwickeln.
    Wie breit deren Erfahrungen und Ideen sind, zeigten beim Podium nicht zuletzt die drei großen Fragenblöcke, die von Gunnar Laufer-Stark (Nestbau AG), von Anja (Mietshäuser Syndikat-Projekt Münzgasse 13) und Johanna Neuffer (Neustart eG i.G.) eingebracht wurden.

Manchmal sind die Nebensätze die spannendsten, manchmal auch das ausgelassene: etwa das ziemlich klare Plädoyer von Palmer, bei geeigneten Mobilitätskonzepten bei (Tiefgaragen-) Stellplätzen auf Null zu gehen. Oder besetzte Häuser dann nie räumen zu lassen, wenn die Eigentümer sie danach nur wieder leerstehen lassen würden. Oder seine Aussage: Bei Genossenschaften sei Tübingen bislang deutlich hinterher. (Schade, dass er dann nur die – unbedingt unterstützenswerte – Tübinger Dachgenossenschaft Wohnen nannte). Komplementär fiel auf, dass bei Geisel vor lauter GWG-Orientierung Genossenschaften eher untergingen. Bei ihr und Baumgärtner wäre auch spannend, was ihre Plädoyers für serielles Bauen bedeuten mit Blick auf die bisherige Kleinparzellierung in den Konzeptvergaben. Aber auch Palmer sagte „ja“ zu ausgewählten größeren Parzellen beispielsweise für Genossenschaften, das dürfe aber nicht architektonische Block-Monotonie und fehlende soziale Vielfalt bedeuten.

Alle drei für Mietenstopp #HändeHoch0810 – als Fotomotiv super, von der Grundhaltung erfreulich, als Kommunalpolitiker*innen allerdings weithin machtlos

Bei allem Ähnlichen gibt es Umstrittenes und unterschiedliche Akzente: Krankt das bezahlbar-Wohnen auch an fehlenden Planungskapazitäten der Verwaltung? Baumgärtner kritisiert das. Sie hob ansonsten besonders stark die Potenziale der Gemeinwohlakteure hervor. Außerdem beschäftigt sie am stärksten, wie den vielfach zu großen individuellen Wohnflächen beizukommen sein könnte. Und dann die Grundsatzfrage der „Innenentwicklungshauptstadt Tübingen“: Ist im Bestand und in den auserkorenen Neu-Flächen genug Wohnbau möglich – Geisel bezweifelt das explizit. Während Palmer nicht nur die pro Jahr von ihm angezielten 500 Wohnungen auf identifizierten Binnenarealen starkmachte, sondern auch die schon längst planvoll gestärkte GWG. Die Saiben-Kontroverse war sicher die schärfste und klarste des Abends, neben den angepeilten Zielwerten für Wohnungsbau durch die GWG und Gemeinwohlakteure.

Unser OB-Wahlpodium

Ab Saalöffnung folgten viele Besucher*innen interessiert der Ping-Pong-Präsentation von Leerstandshäusern und Gemeinwohlhäusern

Weil das alles so kompliziert ist…  gut, dass alles in Ruhe nochmal bedacht, nachgelesen und nachgehört werden kann:

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